1200 Jahre Eschenbach: Entdeckung der Geschichte
Eschenbach feierte im Jahr 1975 1200 Jahre erste urkundliche Erwähnung und liess die lokale Bevölkerung zu diesem Anlass an einer Reihe denkwürdiger Veranstaltungen teilhaben. Das Datum dieses Jubiläums ergibt sich aus den historisch belegbaren Tatsachen, doch es scheint, dass es in erster Linie darum ging, einen gemeinschaftsbildenden Anlass durchführen zu können. Die Gründe für die Feier liegen tiefer und widerspiegeln stark die Zeit der 1970er-Jahre. Ohne hier ganze Themenkomplexe breit aufzureissen, sei auf die Entwicklungen hingewiesen: Das Wirtschaftswachstum seit den 1950er-Jahren, die Bevölkerungsexplosion, die starke Bautätigkeit, der Raubbau an der Umwelt und der Landschaft sowie der grenzenlose Wachstumsglaube, der mit dem Ölpreisschock von 1973 ein vorläufiges Ende fand. Die Menschen begriffen allmählich, dass es nicht auf dieselbe Weise weitergehen konnte. Das Jubiläum fiel also auf ein Jahr, in dem es angebracht schien, sich auf die eigene Geschichte und Identität zu besinnen, gerade weil sich das Umfeld so stark verändert hatte. Zwischen 1850 und 1950 hatte die Gemeinde Eschenbach knapp 600 Einwohnerinnen und Einwohner dazugewonnen, doch allein zwischen 1960 und 1970 wuchs die ständige Wohnbevölkerung um weitere 500 Personen an. Zwischen 1950 und 1960 wurden im Dorf Eschenbach im Schnitt sechs neue Ein- oder Zweifamilienhäuser pro Jahr gebaut. Ab 1961 stieg diese Zahl auf ein Dutzend pro Jahr; hinzu kamen erste Wohnblöcke, die zwischen 6 und 28 Wohnungen umfassten.
Das Festprogramm der 1200-Jahr-Feier zeigt, wie wichtig der Anlass für Eschenbach war. Der Sommer 1975 in Eschenbach stand ganz im Zeichen der Jubiläumsfeierlichkeiten. Die Mehrheit der Attraktionen zielte auf die Befriedigung leiblicher Genüsse ab, vorwiegend in Form von Alkohol, Fleisch und Käse, sei es nun in einer «Bierschwemme», bei einem «Filet-Stand» oder im «Raclette-Keller». Der Vergnügungspark mit Bahnen und Spielen entzückte Kinder und am Verkaufsstand wurden Gold- und Silbertaler, T-Shirts, Lithografien sowie das «Heimatbuch» verkauft. Bei guter Witterung wurden zudem Rundflüge und -fahrten auf dem Gemeindegebiet mit Helikopter, Car und Kutschen in Aussicht gestellt.
Nicht weniger als achtzehn Vereine wurden für die Feier zum Einsatz verpflichtet, die an zwei Wochenenden im Juni/Juli 1975 stattfand. Neben diversen Musikvereinen wurden Männer- und Damenriegen, Feuerwehren, Chöre und sogar der Ornithologische Verein aufgeboten, an dem grossen Ereignis mitzuwirken. Offizieller Jubiläumstag war der zweite Festtag, der 29. Juni. Geladene Gäste lauschten einer Orchestermesse in der Kirche und genossen danach einen Apéro im Custor-Haus. Das Bankett fand im Festzelt statt, gefolgt vom eigens für den Anlass geschriebenen «1200-Jahrspiel», einem Theaterstück von Karl Blöchlinger, der unter dem Pseudonym Pius Rickenmann schrieb.
Um das genaue Datum der urkundlichen Ersterwähnung nicht sang- und klanglos verstreichen zu lassen, liess das Organisationskomitee schon am 31. Januar desselben Jahres die Öffentlichkeit an diesem speziellen Ereignis teilhaben. Mit 12 Böllerschüssen und Glockengeläut für 12 Minuten um die Mittagszeit wurde nicht an Zahlensymbolik gespart. Der anschliessende Umtrunk fand im erst kürzlich restaurierten Custor-Haus statt. Der damalige Regierungsrat August Schmuki, ein Bürger von Eschenbach, beglückwünschte die Einwohnerinnen und Einwohner zum Jubiläum mit den folgenden Worten: «Es zeugt von Gemeinschaftssinn, Lebenskraft und Selbstbewusstsein, wenn zu Eschenbach Bürgerinnen und Bürger beim Passieren dieses Meilensteins in der Geschichte der Gemeinde, ihres Heimatortes oder Wohnsitzes, diese Tage festlich und froh begehen.»
Das nachhaltigste Produkt der 1200-Jahr-Feier bleibt indes das Eschenbacher «Heimatbuch». Eine Kommission, bestehend aus Anton Schmuki, Gebhard Bollhalder und Hans Kägi, engagierte Alois Stadler, damals Lehrer am Seminar in Zug, als Autor des neuen Geschichtsbuches. Pläne für ein solches Buch kursierten bereits seit den 1940er-Jahren, als der damalige Präsident des Verkehrsvereins Eschenbach, Dr. Otto Hegglin-Locher, regelmässig Vorträge über Eschenbacher und regionale Geschichte hielt, die zu einem Buch hätten zusammengefasst werden sollen. Der Plan wurde nie realisiert, bis 1972 ein erneuter Versuch unternommen wurde. Im Gemeindearchiv Eschenbach ist ein reger Briefwechsel zwischen Stadler und Kägi überliefert, der den Entstehungsprozess des Werkes gut dokumentiert. Stadler trug die von Kägi und anderen gesammelten Materialien zusammen und kondensierte diese zu einem Werk, das vor 50 Jahren als «Geschichte von Eschenbach SG» erschien. Auch wenn Stadler in einem Brief die «quellenlose Zeit des Mittelalters» beklagte, liegt der Fokus des Buches auf der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte bis etwa 1800.
Die 1200-Jahr-Feier war ein grosser Erfolg für die Gemeinde, auch finanziell. Im Sommer 1976 trat das Organisationskomitee ein letztes Mal zusammen und verkündete einen Reingewinn von 85 000 Franken. Ein nicht geringer Teil trug der Erlös des Buches bei, das bereits nach kurzer Zeit ausverkauft und in einer zweiten Auflage von weiteren 500 Exemplaren nachgedruckt wurde.